Gegenargumente im Faktencheck
Die Aussenwerbeindustrie verfügt über viel Geld und nutzt ihre Verfügungsmacht über Werbeflächen direkt, um gegen uns Stimmung zu machen. Hier gehen wir auf ihre wichtigsten Argumente ein.
«Werbung dient der Information»
Natürlich informiert uns ein Plakat für ein Konzert darüber, dass dieses stattfindet. Die meiste Werbung dient jedoch nicht der Information, sondern der «Verführung»: Mit psychologischen Tricks wird versucht, die Kaufentscheidungen der Menschen zu beeinflussen. Bei kommerzieller Werbung geht es üblicherweise darum zu suggerieren, dass sich ein Bedürfnis – etwa nach Zugehörigkeit, Anerkennung oder Abwechslung – mit einem Produkt oder einer Dienstleistung erfüllen liesse. Die angepriesenen Güter bringen aber keine nachhaltige Erfüllung dieser Bedürfnisse. Eine Studie mit rund einer Million Menschen in 27 europäischen Ländern zeigt: Steigen die Werbeausgaben, sinkt danach die Lebenszufriedenheit.¹
Flächen für Kultur, Bildung, Vereine und öffentliche Informationen sollen ausdrücklich bestehen bleiben. Allein auf öffentlichem Grund sind 500 Weltformat-Plakatstellen und 150 Säulen für A2-Kulturplakate dafür vorgesehen.² Weniger kommerzielle Werbung heisst also nicht weniger Information, sondern mehr Platz für demokratische, kulturelle und soziale Inhalte.
¹ Michel, Oswald, Proto & Sovinsky, Advertising as a Major Source of Human Dissatisfaction, 2019
² Stadtrat Zürich, Antwort auf Motion 2024/178, S. 5
«Plakate haben den kleinsten CO₂-Fussabdruck aller Werbemittel»
Der Inhalt der Werbung ist entscheidender als das Medium. Ein CO₂-arm produziertes Plakat, das zum Kauf eines Flugtickets in die Malediven führt, verursacht indirekt sehr hohe Emissionen. Die Klimawirkung von Werbung muss deshalb ganzheitlich betrachtet werden – über den Konsum, den sie anregt. Laut einer Studie von 2023 gehen bis zu 7 % der Schweizer CO₂-Emissionen auf Mehrkonsum durch Werbung zurück, vor allem bei Mobilität, Haushalt und digitalen Gütern.¹ Werbebildschirme haben zudem direkte Auswirkungen: Sie verbrauchen rund 26-mal mehr Strom als Papierplakate.²
Zudem gilt: Etwas ist nicht automatisch klimafreundlich, nur weil Alternativen noch schlechter abschneiden.
¹ Greenpeace/Infras, Werbebedingte Emissionen und Umweltbelastung in der Schweiz, 2023, S. 4, 19
² Treeze, Vergleichende, vereinfachte Energie- und Treibhausgasbilanz eines LCD-Werbescreens mit einem Plakat-Scroller, 2017, S. 9
«Die Stadt erhält Millionen aus Werbekonzessionen»
Die Stadt Zürich nahm 2023 mit Werbung auf öffentlichem Grund und auf eigenen Grundstücken rund 19,7 Millionen Franken ein. Die VBZ behalten von der Werbung an Haltestellen nach Abzug der Kosten rund 3 Millionen Franken. Beides klingt erstmal nach viel. Aber 19,7 Millionen Franken entsprechen 0,18 % der Einnahmen der Stadt Zürich oder etwa 44 Franken pro Person¹ – und die VBZ nehmen mehr an Bussgeldern fürs Schwarzfahren ein als mit Werbung.² Gleichzeitig gibt die Stadt weit mehr für schönere Plätze, Grünflächen und sichere Strassen aus, als sie mit Werbung einnimmt, und die Werbeflächen profitieren davon.
Rund 5400 Werbeflächen stehen zudem auf privatem Grund.² Von ihnen hat die Öffentlichkeit nichts, die Miete kassieren die Grundeigentümer:innen. Bezahlt wird Werbung am Ende über die Produktpreise, also von uns: Für Aussenwerbung sind das in der Schweiz rund 700 Millionen Franken im Jahr.²
Wir sind der Meinung, dass eine Stadt über Steuern und Gebühren stabil finanziert sein soll, nicht durch den Ausverkauf des öffentlichen Raums.
¹ Stadtrat Zürich, Antwort auf Motion 2024/178, S. 6
² VBZ Geschäftsbericht 2024, S. 21
³ IG Plakat | Raum | Gesellschaft (IG PRG), Plakatwerbung mit Zukunft (Umsetzungskonzept), 2026
«Ein Werbeverbot gefährdet Arbeitsplätze»
Das Argument der Arbeitsplätze kommt in fast jeder politischen Debatte auf. Meist wird es aber von Kreisen angebracht, die selbst nicht davor zurückschrecken, Stellen abzubauen, um ihre Gewinne zu steigern. Niemand hat sich beispielsweise beklagt, als die Werbebranche mit Bildschirmen Plakateur:innen und Druckereien überflüssig machte. Eine Reduktion von Bildschirmen bringt dagegen einen Teil dieser Arbeit zurück. Zudem bleiben die kleinen Kulturplakate, die in der ganzen Stadt von Hand aufgehängt werden, ohnehin erhalten.
Der Stadtrat zählt in Zürich über 5500 Beschäftigte in Werbung und Marktforschung, von denen die allermeisten für Online-Werbung, Print, Fernsehen und Marktforschung arbeiten, nicht für Plakate und Werbebildschirme in der Stadt. Unsere Forderungen betreffen vor allem die beiden grossen Werbefirmen APG und Goldbach Neo und auch bei ihnen nur den Bereich der kommerziellen Flächen in der Stadt Zürich. Den Grossteil dieser Flächen buchen grosse nationale und internationale Marken. Internationale Marken verwenden für ihr Plakat in Zürich oft dasselbe Sujet wie in Deutschland oder im Internet, nur auf das Format angepasst. Die kreative Arbeit dafür entsteht meist nicht hier. Gestaltung, Text und Druck für Kultur, Vereine und lokales Gewerbe bleiben dagegen gefragt.
Ausserdem erfolgt die Umstellung schrittweise über mehrere Jahre, was Zeit für Anpassungen lässt, und Agenturen arbeiten für viele Kanäle und Branchen. Keine lebt allein von Bildschirmwerbung in der Stadt Zürich.
«Weniger Aussenwerbung nützt nur Meta, TikTok und Google»
Wie viel Online-Werbung gezeigt wird, entscheiden die Anbieter der jeweiligen Plattformen und Dienste sowie die Berater:innen der Werbeagenturen – die Situation der Aussenwerbung in Zürich beeinflusst das nicht. Statt einer Verlagerung ins Digitale könnte genauso gut wieder mehr in Zeitungsinserate investiert werden. Prognosen bleiben in jede Richtung spekulativ.
Der entscheidende Unterschied: Online gibt es Möglichkeiten, Werbung auszublenden und Angebote zu meiden. Im öffentlichen Raum geht das nicht: Niemand kann dauerhaft zu Hause bleiben, um Werbung auszuweichen. Unser gemeinsamer Raum soll ein Ort der Begegnung sein, an dem wir gerne sind.
«Plakate sind ein künstlerisches Kulturgut»
Es gibt immer wieder Plakatgestaltungen von hoher künstlerischer Qualität. In den letzten Jahrzehnten warben die gestalterisch besten Plakate meist für kulturelle Veranstaltungen und Institutionen. Genau das wollen wir stärken. Die hohe gestalterische Qualität von Kulturplakaten führt aber auch vor Augen, dass gelungene Gestaltung bei kommerzieller Werbung die Ausnahme ist.
Plakatflächen für Kunst, Bildung und das lokale Kleingewerbe sollen weiterhin Raum in unserer Stadt haben. Für kreativen Ausdruck bleibt genügend Platz. Und mit weniger kommerzieller Werbung können wir Plakatwände auch Künstler:innen und Grafiker:innen zur freien, temporären Gestaltung überlassen – ohne dass etwas angepriesen wird.
«Weniger Werbung schränkt die Meinungsäusserungsfreiheit ein»
Wir fordern eine Reduktion kommerzieller Werbung, insbesondere jener für stark umweltschädliche Angebote. Politische und religiöse Werbung wollen wir nicht einschränken. Dass eine entsprechende Regulierung zulässig ist und nicht gegen die Meinungsfreiheit verstösst, hat das Bundesgericht in seinem Urteil zum Werbeverbot in Vernier (GE) 2024 bestätigt.¹
Tatsächlich sind es die Plakatfirmen selbst, die unliebsame politische Meinungen vom Aushang ausschliessen. Goldbach Neo verweigerte der Alternativen Liste 2025 den Aushang von Wahlplakaten und begründete das mit der Motion der AL gegen Werbebildschirme.² Die APG weigerte sich 2024, ein Sujet der IG Plakat | Raum | Gesellschaft zu schalten, das den Stromverbrauch der Werbebildschirme offenlegte.³ SBB und APG verweigerten 2009 den Aushang eines Pro-Palästina-Plakats im Hauptbahnhof Zürich; das Bundesgericht kassierte das Aushangverbot als verfassungswidrig.
¹ Bundesgerichtsurteil 151 I 3
² AL Zürich, TX Group schränkt Meinungsäusserungsfreiheit ein, 21.11.2025
³ IG PRG, APG|SGA zensiert Sujet von IG PRG, 30.07.24
⁴ Bundesgerichtsurteil 138 I 274